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Gregorianischer Choral an St. Laurentius

Das Kirchenjahr im gregorianischen Choral

Die Sonn- und Feiertage im Kirchenjahr

Nach einer Sommerpause geht es mit dem 21. Sonntag i. J. weiter.

10. Sonntag im Jahreskreis

Introitus

"Der Herr ist mein Licht und mein Heil, wen sollte ich fürchten»
Dieses Psalmwort zu Beginn des Introitus Dominus illuminatio mea steht programmatisch für das gesamte Proprium dieser Sonntagsmesse. Anfallend im Melodieverlauf des Introitus sind die zahlreichen Tonreperkussionen, deren teils kräftige Pulsationen teils zarte Schwebungen in diesem Textzusammenhang wohl als Ausdruck starker Emotion des Herzens und freudiger Erregung zu deuten sind.
aus: Johannes Bergmans Göschl: Das Kirchenjahr Im Gregorianischen Choral, EOS St. Ottilien, 2021, S. 210

Dominus illuminatio mea, et salus mea,
quem timebo?
Dominus defensor vitae meae,
a quo trepidabo?
qui tribulant me inimici mei, infirmati sunt,
et ceciderunt.

Der Herr ist mein Licht und mein Heil:
Vor wem sollte ich mich fürchten?
Der Herr ist die Kraft meines Lebens:
Vor wem sollte mir bangen?
Die mich quälen, meine Feinde, sie strauchelten
und sind gefallen.

Ps.  1

Si consistant adversum me castra:
non timebit cor meum.

Wenn wider mich antritt ein Heer:
Mein Herz fürchtet sich nicht.
https://gregorien.info/chant/id/2414/0/de

Sie können den Choral hören:

https://www.youtube.com/watch?v=K9dFUWOJNDA  (Solo mit Quadratnotation)

https://www.youtube.com/watch?v=Je5N7hdAkgk  (Schola)

9. Sonntag im Jahreskreis

Graduale

Auch in den Gesängen dieser Sonntagsmesse stehen sich die beklagenswerte, hilfebedürftige Lage des Menschen einerseits und die befreiende Zuwendung Gottes andererseits kontrapunktisch gegenüber.

Im Graduale Iacta cogitatum tuum ist von existenzieller Bedrohung durch persönliche Feinde (,... qui appropinquant mihi" - ... die mir feindlich nahen) die Rede. Aber der Grundtenor dieses Gesangs ist ein anderer: Im sicheren Bewusstsein, von Gott erhört zu werden, lädt der Psalmist ein, alle Sorgen auf den Herrn zu werfen und sich seinem nährenden Beistand anzuvertrauen. Dafür eignet sich vortrefflich der VII. Modus, dessen jugendlicher Elan von jeglicher Erdenschwere befreit und der Seele Flügel verleiht, um sich emporzuschwingen zu Gott (vgl. hier „in Domino" und „ad Dominum"), dem Schöpfer, Lenker und Erhalter allen Lebens.
aus: Johannes Bergmans Göschl: Das Kirchenjahr Im Gregorianischen Choral, EOS St. Ottilien, 2021, S. 207f

Iacta cogitatum tuum in Domino,
et ipse te enutriet.

Wirf dein Anliegen auf den Herrn,
und er selbst wird für dich sorgen.

Vers.  1

Dum clamarem ad Dominum,
exaudivit vocem meam ab his
qui appropinquant mihi.

Als ich zum Herrn schrie,
hörte er meine Stimme, vor denen,
die sich mir nahen.
https://gregorien.info/chant/id/3967/0/de

Sie können den Choral hören:

https://www.youtube.com/watch?v=Uqq5uQm4KbE  (Solo mit Quadratnotation)

https://www.youtube.com/watch?v=oDI6EaLyk74  (Schola)

Fronleichnam

Introitus

Der im deutschen Sprachraum gebräuchliche Name dieses Festes leitet sich aus dem Mittelhochdeutschen von vrone = Herr und licham = lebendiger Leib her. Der heute offiziell eingeführte Titel  "Hochfest des Leibes und Blutes Christi" hat sich hingegen im Sprachgebrauch des Volkes nicht durchgesetzt.
Im Zuge einer seit dem 12. Jh. mächtig aufblühenden eucharistischen Frömmigkeit hat sich ein eigenes Fest zu Ehren des Sakramentes der Eucharistie - wohl ausgehend vom Bistum Lüttich - mehr und mehr ausgebreitet und wurde schließlich 1264 von Papst Urban IV. für die ganze Kirche vorgeschrieben, obwohl es sich definitiv erst unter Papst Johannes XXII. Anfang des I4. Jhs. durchsetzen konnte. Thomas von Aquin soll den Auftrag erhalten haben, für Messe und Stundengebet dieses Festes die entsprechenden Texte zusammenzustellen bzw. neu zu schaffen. Dabei wurden in das Proprium Missae zum Teil Gesänge aus dem Fundus des gregorianischen Kernrepertoires aufgenommen, so der Introitus Cibavit eos und das Graduale Oculi omnium, zum anderen Teil neue Gesänge, die nicht immer von hoher künstlerischer Inspiration zeugen, wie besonders der Fall der vorkonziliaren (in den aktuellen Ausgaben nicht mehr vorhandenen) Communio Quotiescumque manducabitis zeigt.

Der Introitus Cibavit eos, der die Eucharistiefeier des Fronleichnamsfestes feierlich eröffnet, ist in der neutestamentlichen Deutung des gregorianischen Komponisten als Lobpreis auf die eucharistische Speise zu verstehen. Sein straff geführter Melodieverlauf erreicht bezeichnenderweise bei der Textstelle ,... saturavit eos" (... sättigte er sie) seinen melodischen und expressiven Höhepunkt.
aus: Johannes Bergmans Göschl: Das Kirchenjahr Im Gregorianischen Choral, EOS St. Ottilien, 2021, S. 305f

Cibavit eos ex adipe frumenti, alleluia:
et de petra, melle saturavit eos.

Er nährte sie aus dem Besten des Weizens, halleluja,
und mit Honig aus dem Felsen sättigte er sie.

Ps.  1

Exsultate Deo adiutori nostro.
Jubelt Gott zu, er ist unsere Hilfe.

Ps.  2

Sumite psalmum, et date tympanum :
psalterium iucundum cum cithara.

Nehmt einen Psalm und schlagt die Pauke,
lieblichen Psalter mit Harfe.

Ps.  3

Ego enim sum Dominus Deus tuus,
qui eduxi te de terra Aegypti :
dilata os tuum, et implebo illud.

Ich nämlich bin der Herr, dein Gott,
der dich herausgeführt hat aus dem Lande Ägypten.
Mach deinen Mund weit auf, und ich werde ihn füllen.
https://gregorien.info/chant/id/1306/0/de

Sie können diesen Choral hören:

https://www.youtube.com/watch?v=Kg7oL6raOy4  (Solo)

https://www.youtube.com/watch?v=Q5euBO3Hqrw  (Schola mit Quadratnotation)

Dreifaltigkeitssonntag

Introitus

Die Verehrung der Heiligsten Dreifaltigkeit geht in frühchristliche Zeit zurück und hat sich vor allem in der Auseinandersetzung mit dem Arianismus ausgeprägt und theologisch-dogmatisch artikuliert. Dennoch sollte es noch mehrere Jahrhunderte dauern, bis sich ein eigenes der Heiligsten Dreifaltigkeit gewidmetes Fest durchsetzen konnte. Zwar ist schon um 800 eine Votivmesse zu Ehren der Trinität bezeugt, deren Gesänge in gregorianischen Handschriften seit ca. 900 überliefert sind. Ein für die ganze Kirche verbindliches Fest wurde jedoch erst unter Papst Johannes XXII. im Jahr 1334 eingeführt.
Diese lang andauernde zögerliche Haltung der kirchlichen Autoritäten scheint ihre Spuren auch auf die kompositorische Qualität dieser Messgesänge hinterlassen zu haben, denn offensichtlich mangelte es dem (den) „Komponisten" an der erforderlichen kreativen Motivation, um für dieses in weiten Kreisen unbeliebte Fest ein Messproprium von künstlerischer Originalität auf hohem Niveau zu schaffen. Vielmehr begnügte(n) er(sie) sich fast ausschließlich mit Adaptationen älterer (authentischer) Vorbilder auf neue Texte, die zudem gelegentlich eine feiner entwickelte Sensibilität für die Erfordernisse des Wort-Ton-Verhältnisses vermissen lassen.
Der Introitus Benedicta sit, eine melodische Adaptation des Introitus Invocabit me des Ersten Fastensonntags, zeichnet sich ohne Zweifel durch einen insgesamt zielstrebigen und schönen Melodiefluss aus. Dennoch ist an zwei Stellen eine „Entgleisung" gegenüber dem Original festzustellen: Auf der Endsilbe von „Trinitas" besitzt die vier-tönig aufsteigende Figur, anders als im Original, keine anstauende und auf das folgende Wort hinführende Funktion, sondern die einer kadenzierenden Floskel, während die Figur auf der ersten Silbe des nachfolgenden Wortes „atque" - im Original in typisch kadenzvorbereitender Funktion - ziemlich deplaziert als Reintonationsfloskel erscheint. Und der melodische Höhepunkt des gesamten Stückes bei „confitebor" findet sich nicht - wie im Original bei, „glorificábo" - auf der Akzentsilbe, sondern - wiederum ziemlich deplaziert - auf der unbetonten Silbe „confitébimur".
aus: Johannes Bergmans Göschl: Das Kirchenjahr Im Gregorianischen Choral, EOS St. Ottilien, 2021, S. 302f

Benedicta sit sancta Trinitas,
atque indivisa Unitas,
confitebimur ei,
quia fecit nobiscum misericordiam suam.

Gepriesen sei die heilige Dreieinigkeit
und ungeteilte Einheit.
Lasst uns sie preisen,
denn sie hat uns ihr Erbarmen geschenkt.

Ps.  1

Benedicamus Patrem et Filium cum Sancto Spiritu.

Lasst uns den Vater preisen, und den Sohn mit dem heiligen Geist.

Ps.  2

Domine Dominus noster,
quam admirabile est nomen tuum in universa terra.

Herr, unser Herrscher,
wie wunderbar ist dein Name auf der ganzen Erde!
https://gregorien.info/chant/id/1055/0/de

Sie können diesen Choral hören:

https://www.youtube.com/watch?v=ednnLGMhICQ (Solo mit Quadratnotation)

https://www.youtube.com/watch?v=CzcAOkvCIaI  (Schola)

 

Pfingstsonntag

Introitus

Der Pfingstsonntag beschließt heute die Feier der österlichen 50 Tage. Bis zur Kalenderreform nach dem Zweiten Vatikanum hatte dieses Fest auch eine eigene Oktav mit zahlreichen speziellen Propriumsgesängen. Diese sind durch die Reform nicht verloren gegangen, sondern wurden auf viele andere Tage verlegt, so auch in die Zeit unmittelbar vor Pfingsten. Das Proprium der Tagesmesse am Pfingstsonntag ist bis auf das zweite Alleluia und die Sequenz jenes der karolingischen Liturgie- bzw. Choralreform.

Der Introitus Spiritus Domini ist eine liturgisch redigierte Version von Weish 1, 7. Wie so oft bei einem Introitus ist das Anfangswort (hier „Spiritus") gleichzeitig das Schlüsselwort für die gesamte Feier. Dem widerspricht nicht, dass die gregorianische Verklanglichung dieses Textes die Sinnspitze des Beginns auf "replevit orbem" (erfüllt die Welt) legt. Nicht, was der Geist ist, wird uns musikalisch vor Augen geführt, sondern das, was er tut. Die Tendenz, nicht dogmatischen Fragen, sondern dem Wirken Gottes und seines Geistes im Gesang nachzuspüren und dieses als menschliche Erfahrung zu bezeugen,  zieht sich durch die Vertonung bzw. Betonung des gesamten gregorianischen Repertoires. Betont und musikalisch etwas deutlicher entfaltet ist auch das Wort "continet": der Geist enthält in sich alles und hat Kenntnis ("scientiam") von allem. So wird uns am Beginn dieser Feier eine Theologie vom Wirken des Geistes vor Augen und Ohren gehalten. Der Psalmvers zum Introitus ist ein altbekannter: Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten zusammen wird allegorisch-liturgisch mit dem Psalm 67/68 begleitet.  ...

So zeigt sich wiederum einmal mehr, dass liturgische Texte im Sinne eines spirituellen „Aggiornamento" der Bibel für die Feier der Liturgie ausgewählt worden sind. Die gregorianischen Komponisten haben dies sehr wohl verstanden. Sie haben mit ihrer Art, diese Texte mit musikalischen Mitteln zu interpretieren, dieses Anliegen noch verstärkt aufgegriffen und darüber hinaus die liturgische Bibelinterpretaion mit eigenen spirituellen Aspekten in musikalischer Form angereichert.
aus: Johannes Berchmans Göschl: Das Kirchenjahr im gregorianischen Choral, S. 177ff

Spiritus Domini replevit orbem terrarum, alleluia :
et hoc quod continet omnia,
scientiam habet vocis.

Der Geist des Herrn erfüllt den Erdkreis, Halleluja;
und das, was er alles umfasst [enthält],
kennt jede Sprache.

Ps.  1

Exsurgat Deus, et dissipentur inimici eius:
et fugiant, qui oderunt eum a facie eius.

Gott steht auf, seine Feinde zerstieben;
die ihn hassen, fliehen vor seinem Angesicht.
https://gregorien.info/chant/id/7762/0/de

Sie können diesen Choral hören:

https://www.youtube.com/watch?v=RoApQ6YKzaE (Solo mit Quadratnotation)

https://www.youtube.com/watch?v=g9qt4vlPoRw (Schola mit Quadratnotation)